Wenn man sich aus Versehen trifft, kann es wehtun.

Eine romantisch gestörte Auseinandersetzung über Freundschaft


Endlich! Wir sind auf dem Weg, ich sitze im Auto und die Landschaft zieht an mir vorbei, aus dem Radio quillt irgendein Scheiss, den ich nur noch benommen wahrnehme, dafür bin ich viel zu sehr in meinem Kopf. Es ist bequem und die warme Heizungsluft aus dem Gebläse lässt ab und zu meine Haare fliegen. Mein Kopf lehnt Richtung Scheibe und ich beobachte dich in der Spiegelung, wie du konzentrierst den Waagen steuerst. Ich bin so unendlich dankbar dafür das du fährst und ich einfach hier sitzen kann. Endlich ausruhen. Von dem ganzen Stress der letzten Zeit. Alleine nur für diesen Gedanken schäme ich mich “zum Glück habe ich ihn nicht laut ausgesprochen”. Denn ich weiß das dein Leben im Vergleich zu meinem weitaus stressiger sein muss, weil du als Mutter zweier Kinder und Ehefrau einfach ein komplett anderes Leben führst, mit viel mehr Verpflichtungen etc. Manchmal frage ich mich, wie du das alles schaffst? So mit dem Haus, Hund und Studium und jetzt noch Job und uns als Freunde. Vollzeit Women!

Das macht mich noch nachdenklicher. Ich bin Anfang 30 aber behaupte immer jünger zu sein? Warum, keine Ahnung, ob ich wirklich damit ein Problem habe weiß ich garnicht, eigentlich mag ich reife Frauen, aber irgendwie zähle ich mich noch nicht dazu. Ich feile manchmal an meinem Selbstbewusstsein, wenn es um Familienplanung geht, denke dann, ich mach Karriere und selbst das scheint “heutzutage” nicht recht einfach für eine selbständige Frau Ende der Zwanziger zu sein. Du steckst dir eine Zigarette an und der Rauch holt mich zurück ins Jetzt. Ich finde der Wagen steht dir für einen Augenblick echt gut, wie du so da sitzt mit deiner Sonnenbrille am Steuer. Ich muss sagen ein bisschen geil fühle ich mich in dem Land Rover neben dir ja auch. Dieser schwarzen Koloss, keiner könnte uns was, bei einem Unfall würden wir einfach weiter fahren und einfach über die anderen drüber, bei einem Überfall würdest du wahrscheinlich noch so zwei Knöpfe drücken und es würden sich seitlich Gewehr Luken öffnen und einfach die Gegner von der Straße pusten. Tja. Geil, Günther so willst du genannt werden und ich akzeptiere das >>manchmal<<. Du hast anscheinend alles richtig gemacht, einen großen gut aussehenden Mann, zwei gesunde Kinder und alles was du willst. Bingo.

Teil II Plötzlich überkommt mich eine Traurigkeit, scheiss Magdeburg! Warum musstest du gehen? Die Wolken am Himmel finde ich nun hässlich und die Windräder an der Straßenseite blöd, die Musik im Radio, einfach alles. Ich bin traurig darüber dass wir zu dir fahren, weil das bedeutet, dass du tatsächlich weggezogen bist. In echt jetzt, obwohl ich bis zum Ende dachte das es ein Scherz bleibt. Ja, vielleicht war ich auch muksch und brauchte erstmal etwas Zeit um damit klarzukommen.

Mich überkommt eine Flut an Vergangenheit. Letztes Jahr 2017 und wie alles so abrupt aufhören musste. Als wäre ich verflucht. Denn sowas passiert mir ständig. Erstmal brauche ich ewig und Jahrhunderte um mich mal auf wen einzulassen und dann wirst du schwanger verliebst dich und die Freundschaft steht auf einer echten Probe, meine Liebe. Ich hoffe du weißt das! Ich rede so schroff weil ich latent immer etwas angefressen darüber bin, es aber eigentlich akzeptiert habe mittlerweile #aberichnichtgutmitausheiteremHimmelauftretendenVeränderungs–prozessenklarkomme. Ich will vorgewarnt werden, mich langsam an etwas gewöhnen und dann am liebsten noch entscheiden dürfen. Und auch wenn du nun das Argument bringen könntest, du hattest 9 Monate Zeit dich zu gewöhnen. Ähm nein. Das zählt nicht.

Nun gut die Situation hast du dann damit entschärft als du mir sagtest, dass wir das alles schaffen und da ich, na klar, kein Unmensch bin, und natürlich akzeptiere das du diesen, wenn auch furchtbaren Verlust von Hamburg und uns deinem Leben in Kauf nehmen wirst, auch erstmal selber auf die Kette kriegen musst. Ätsch. #duweistichbinnursoscheisseweilichdichliebe. akzeptiere ich es.

Letztendlich habe ich mich dazu entschieden oder es war schon von vornherein klar, dir zu vergeben, aber ich musste erstmal mein Ego verprügeln, so dass ich dich bei all deinen Schandtaten unterstützen werde in deinem Leben, das ist ja klar. Ich freue mich ja darüber das du ein Kind bekommen hast, du wirst eine tolle Mutter sein und das du deinen Mann gefunden hast, das finde ich auch toll. Doch dass es einfach so schnell gehen musste, er hat ja nicht mal angeklopft oder so, Zack, hallo da bin ich.

Teil III Und so sitz ich nun mit der Sitzheizung auf drei, so langsam brennt mein Arsch und ich werde von Günther in ihrem heißen Flitzer mit 200 km/h über die Autobahngeschleudert – noch eine Stunde Richtung Magdeburg. Auf dem Weg weiß ich garnicht mehr ob Günther und ich viel geredet haben, ich weiß nur dass wir ab und zu geraucht haben und ich dachte, ich hätte unsere Köpfe qualmen sehen und hätte für einen Moment schwören können, sie denkt das selbe.

Gegen den Rest der Welt. poc.

Auch wenn ich den Namen nie richtig mochte, mochte ich uns, ich liebte uns. Der Name ist ne Mischung aus unseren Nachnamen, aber für mich hörte sich poc immer an wie ne Pocke oder was auch immer. Vielleicht ist das aber auch meine Art, ich kann mich schlecht festlegen und zweifle immer bis zur letzten Sekunde an allem und will es nochmal ändern um mir ganz sicher zu sein. Ihr seid anders, Günther kann sich ziemlich schnell entscheiden, und du brauchst die Hälfte der Zeit die ich brauche.

Noch 20 km. Ich freue mich dich gleich in den Arm zu nehmen. Endlich sehen wir uns alle wieder. Auch wenn die Harmonie nicht lange anhalten wird, denn wir streiten und diskutieren ständig. Man könnte uns für Italiener halten, mit einem Temperament. Aber nein wir sind nur drei Deutsche.

So unterschiedlich wie wir sind, so gleich sind sind wir oft auch wieder in manchen Dingen. Wir wollten dich schon längst besucht haben, aber ständig kam was dazwischen. Geburt, Weihnachten, Geburtstag, Arbeit, das Leben eben! Dieses Mal nicht und nun dauert es nicht mehr lange. Ich mache das Fenster runter und plötzlich schießt es mir in meinen Kopf, diese Erinnerung an meine letzte Beziehung. Nein es ist nicht der richtige Moment, ich warte noch auf den passenden. Ich verdrehe die Augen und denke pah. Und nun? Tja, den gab es wohl dann doch nie, auf jeden fall nicht in der Beziehung. “Den einen” passenden MOMENT”. Ich hatte mich von diesem Moment damals schon bedroht gefühlt, ich hatte immer das Gefühl, irgendwas passt nicht in der Beziehung und ich muss mich verändern. Man kann nicht ständig auf etwas warten was womöglich gar nicht existiert. Es sind doch meist sowieso die unvernünftigen Momente die einem in Erinnerungen bleiben. Die, die einen überrascht haben. Jetzt sind wir gleich da, heute ist Samstag und Morgen fahren wir auch schon wieder heim, man könnte jetzt sagen, lohnt sich ja garnicht. Aber genau darum geht es doch, es lohnt sich immer, wenn es um Beziehung geht oder Liebe, ist die Zeit doch egal. Wir sehen das auf jedenfall so, denn wir leben den Moment und das wird intensiv. ——Teil I Ich habe gewartet und gehofft, dass es endlich so weit ist, dachte sie würden sicher zwei der Ersten sein, die mich besuchen, aber inzwischen sind Monate vergangen. Es ist viel passiert und ich bin nicht mehr dieselbe die ich war, als ich weggegangen bin. Doch ich sehne mich nach ein bisschen ‘damals’ auch wenn das damals gar nicht so weit weg ist wie es schon zu sein scheint. Auf der anderen Seite ist es aber sowieso unwiederbringlich!Ich stecke fest zwischen Windeln, Babyerbrochenem, Haushalt, Babybauchüberbleibsel, Stillen usw. In meinem neuen Zuhause sehne ich mich nach einem Stück Heimat, die ich frei nach dem Motto ‘Home is where your Heart is!’, eben auch bei diesen zwei Menschen gefunden habe. Die neue Stadt bietet einiges. Neben vollgeschissenen Straßen, ist da viel Platz für Fantasie, was hier entstehen könnte, Performances, StreetArt, Kulissen der Endzeit. Vielleicht habe ich von Anfang an, das Objektiv scharf gestellt, was mir die Stadt im Hinblick darauf bieten kann, was ich in Hamburg hinter mir lassen musste. In der Kunst Freiheit finden, mich neu entdecken, sein. Ich denke an die Hundescheiße auf den Gehwegen und sage mir, was für eine tolle Braunstudie ich hier durchführen könnte, in Hamburg, wäre das undenkbar.Teil II Und dann, 13 Monate später, denke ich an den Moment zurück, als mir das erste mal, ganz nebenbei auffiel, dass da was in meiner Regelmäßigkeit nicht stimmte. Als ich es der einen erzähle, zittere ich innerlich vor Aufregung, aber ich musste mich jemandem anvertrauen, und wenn nicht ihr, wem sonst. Sie ist selbst Mutter und hatte mir sowieso angeboten mich zu unterstützen, falls das mit der neuen Wohnung nicht klappt. Ich war nämlich gerade im Umbruch, also warum nicht drastisch, dachte sich das Leben. …als mir das erste mal, ganz nebenbei auffiel, dass da was in meiner Regelmäßigkeit nicht stimmte… Es der anderen zu erzählen, das hab ich mich kaum getraut. Ich wusste genau, sie würde es sehr schwer nehmen, es mir vielleicht auch vorwerfen, Verlust von Freundschaften war von vornherein ein großes Thema zwischen uns gewesen. Von Beginn an waren wir uns emotional sehr nahe gekommen. Durch das Schaffen von Kunst hatten wir gelernt einander zu vertrauen. Ich hatte keine Lust auf Vorwürfe, die egal wie krass die Situation für mich selbst schon war, so oder so von ihr kommen würden – mehr oder weniger. Ich kam mir vor als wäre ich fremdgegangen, als könnte sie denken, ich hätte nicht mehr genug Liebe für sie übrig, dabei ist das eine ganz andere Liebe, die dort in mir gedieh. Ich wollte nicht verletzen und nicht verletzt werden, ich wollte nicht enttäuschen und nicht enttäuscht werden, ich wollte nicht, dass ich der Stein wäre, der seine Kreise zieht im klar gedachten aber in Wirklichkeit getrübten Wasser. Aber so ist das nun mal mit Veränderungen, meistens verursachen sie eine Kettenreaktion, mal mehr mal weniger schwerwiegend, mal mehr mal weniger offensichtlich, mal mehr mal weniger spürbar. Doch wer weiß, für was das Verzichten auf Vertrautheit der Umgebung und der Menschen, einmal gut sein wird. Teil III Ich leide, ich habe viel geweint, viel getrauert um die Zeit die wir vorhergesehen, die Projekte, die wir geplant hatten. Den Tatendrang, den ich endlich wieder spürte, um ihn dann kaum gesprossen, im Keim zu ersticken schien. Das was wir zusammen erarbeitet hatten, war unserer Wahrnehmung nach grandios, genau das was ich gebraucht habe, nach so, gefühlt erfolglosen Jahren des kreativen Zerfalls. Und dann das. Natürlich wäre ich lieber in Hamburg geblieben, dass würde für mich einiges weniger kompliziert machen, denke ich. Doch wer weiß, für was das Verzichten auf Vertrautheit der Umgebung und der Menschen, einmal gut sein wird. Die eine hatte ich seit meinem Auszug kaum gesprochen, die andere war auch so in ihr Leben eingespannt, dass ich das Gefühl hatte, was natürlich nicht der Wahrheit entsprach, sie würde sowieso nicht merken, dass ich weg bin. Sie war doch diejenige die unsere Freundschaft bedroht sah. Das Leben geht weiter und man stellt sich ganz schnell auf die Gegebenheiten um, egal wie weh es tut, egal wie leid es einem tut, man setzt Prioritäten gewollt oder eben auch nicht. Das heißt also warten, zwischen nächtlichen Wachkomaphasen, Heißhunger, simultan tropfenden Brüsten und der eher schlecht als recht, oder besser gesagt ziemlich beschissenen Internetverbindung als Zugang zur Welt. Wann verdammt machen sie sich endlich auf den Weg zu mir!? Inzwischen hatte ich, weil ich ‘alte Zeiten’ aufholen wollte schon selbst eine torturreiche Fahrt auf mich genommen, um in den Genuss der beiden zu kommen. Aber so ist es, das Leben! “Pflücket Rosenknospen solange es geht!” oder eben auch nicht. Und endlich nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens klingelt es! Ich bin aufgeregt und gespannt, wird es sein wie immer? Lachen, weinen, streiten? Sich ärgern, beleidigt sein, essen, trinken, sich austauschen, geben und nehmen? Kreativ sein, sich hinterfragen, diskutieren, sich zelebrieren? Natürlich! Wir fühlen uns alt, wir fühlen uns fett und, oder hässlich, wir sagen es gerade heraus, zu uns selbst, zu einander, sind sauer, weil wir nichts beschönigen. Als sie gehen duftet es nach ihnen, mein Kaffee ist leer und meine Speicherkarte voll aufgeladen. Emotionen entladen sich in der wieder eingekehrten Stille. Ich falle tief nach so einem Hoch. Aber da ist ja die Speicherkarte! Voll mit den Momenten die zählen, Worte die Gehalt haben, Lachen und Umarmungen, Schokokuchen Endorphine und Milchschaum. Erinnerungen. Sammeln. Sie im Herzen bewahren. Kreativ damit umgehen. geschrieben von Anna Clarks und Ruth Oludii über einen unvergesslichen Tag in Magdeburg, naja eigentlich die Aufregung davor…


6 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

retaK.